Mittwoch, 3. Mai 2017

Buch zum Aufstieg und Untergang des Deutschen Bibliotheksinstituts

Neu erschienen: Helga Schwarz, Das Deutsche Bibliotheksinstitut zwischen Auftrag und politischen Interessen, Simon Verlag für Bibliothekswissen, 524 Seiten, ISBN 978-3-945610-37-4, Berlin 2018.
Das Buch zum Aufstieg und Untergang des Deutschen Bibliotheksinstituts kann kurz nach seiner Publikation auf ein beachtliches Medienecho verweisen:
• Die Bild-Zeitung widmete der Autorin unter der Schlagzeile „Ich habe mit 80 meinen Doktor gemacht!“ fast eine ganze Seite. Welcher Bibliothekar und welcher Informationsspezialist hat es in „Bild“ zu solcher Prominenz gebracht von den Problemen der Bibliotheken und der Informationseinrichtungen gar nicht zu reden? Aber natürlich überwiegen hier die Human-Interest-Gesichtspunkte, beispielsweise dass die „rüstige Dame“ ihre Promotion 2017 an der Humboldt-Universität knapp vor ihrem 81. Geburtstag geschafft hat. Auf das Buch selbst wird praktisch nur in einem Satz eingegangen, dass dieses nämlich ein „Politthriller“ sei.
• Das Forum Bibliothek und Information (BuB) führte ein langes Interview mit Frau Schwarz und veröffentlichte dies unter der Überschrift „Niemand hatte sich mit dem Thema davor beschäftigt“. Schwerpunkt der Berichterstattung ist hier das Werden der Promotion und die Hilfen von Zeitzeugen: „An der Fakultät an der Humboldt-Universität haben mich ohnehin alle dazu ermutigt. Sie haben gewusst, wenn ich die Arbeit nicht mache, macht es auch niemand anderes. Ich hatte durch meine Verbandstätigkeit natürlich auch alle Kontakte zu Persönlichkeiten aus der Bibliotheksszene. Ich konnte jeden anrufen und jeder hat mir Auskunft gegeben.“
• Die Verlegerin des Buches, Elisabeth Simon, wirbt auf ihrer Website für die Neuerscheinung („Besser spät als nie“ - www.simon-bw.de/aktuelles/200-besser-sp-t-als-nie). Frau Simon, die seinerzeit die Geschäfte der Bibliothekarischen Auslandsstelle des DBI wahrnahm, legt dar, was mit der Aufgabe des DBI nicht als Institution, sondern als Konzept verlorengegangen ist und urteilt, dass die „Arbeit die Verlogenheit, Sinn und Folgenlosigkeit politischen und gesellschaftlichen Handelns deutlich“ macht.
• Willi Bredemeier rezensiert in Kürze die Veröffentlichung über das DBI in Open Password. Er sieht die Lehren, die man aus dem Untergang des DBI ziehen kann, als nach wie vor aktuell an: „Die Hauptschuldigen am Untergang des DBI waren ihre politischen Träger und vor allem der Wissenschaftsrat. Seine Abwicklung konstituierte eine Praxis, die die Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur weiter gefährdet.“
• Auch das Zweite Deutsche Fernsehen wird in Kürze über das Werk von Frau Schwarz berichten.
Im Folgenden zwei Auszüge aus der anlaufenden Berichterstattung.


BuB

In sechs Jahren Arbeit
umfassende Recherchen
und Berichterstattung über das DBI

Auszüge aus dem Interview:
Wieso haben sie sich mit Mitte 70 noch dazu entschieden zu promovieren? Das war schon immer mein Wunsch. Ich wollte das eigentlich gleich im Anschluss an meinen Magistergrad 1995 machen. Der Professor damals hat mich auch sehr ermuntert. Aber dann war ich nach der Magisterarbeit erstmal sehr krank. Ich war vollkommen erschöpft, denn ich hatte ja das Magisterstudium neben voller Berufstätigkeit und noch mit Kind zuhause durchgezogen. Dann gab es familiäre Gründe, warum ich mich dem nicht gleich widmen konnte und schließlich starb der Professor. Es blieb einfach liegen. Aber der Wunsch, noch einmal den Doktor zu machen, der blieb. Der zweite Beweggrund war, das DBI selbst, das ein Teil meines Lebens ist. Als es im Jahr 2000 plötzlich weg war, konnte ich das gar nicht fassen. Ein gutes Thema für eine Doktorarbeit und das persönliche Interesse am Schicksal des DBI haben mich bewogen, das Projekt anzugehen. Es gab ganz unterschiedliche Meinungen in der bibliothekarischen Öffentlichkeit, warum das DBI untergangen war: Es gab Gerüchte, Schuldzuweisungen, die alle irgendwie nicht stimmig waren. Das wollte ich gründlich aufarbeiten und zugleich eine vollständige Darstellung des DBI hinlegen, von der Gründung bis zur Auflösung.
Was verbindet Sie mit dem Deutschen Bibliotheksinstitut?  Ich habe 1972 angefangen, dort zu arbeiten. Da gab es das DBI noch nicht, aber die Vorgängereinrichtung „Arbeitsstelle für Bibliothekstechnik“. Bis 1989 war ich im DBI beschäftigt. Und ich bin eine der Mütter der Zeitschriftendatenbank…
Gab es viel Literatur, auf die Sie sich stützen konnten? Gar keine! Niemand hatte sich mit dem Thema davor beschäftigt, insbesondere nicht mit dem Hinscheiden des DBI. Was es gab, waren die jährlichen- oder zweijährlichen Arbeitsberichte des DBI selbst und ein paar Zeitschriftenaufsätze, im Bibliotheksdienst etwa. Das war es aber schon an veröffentlichter Literatur. Meine hauptsächlichen Quellen waren Dokumente in Archiven und Zeitzeugen.
Wie lange haben Sie für die Arbeit gebraucht? Sechs Jahre…
Werden Sie an dem Thema dranbleiben? Das ist abgeschlossen. Ich glaube, ich habe über das DBI umfassend berichtet, von den Vorgängerinstitutionen angefangen, über die Gründung, seine Tätigkeit und die Evaluationen, die es durch den Wissenschaftsrat erfahren hat, bis hin zu seiner Auflösung. Und ich habe ja auch noch das EDBI behandelt und die Bemühungen um ein Nachfolge-Institut. Ein Informationszentrum für Bibliotheken war lange in der Diskussion. Aber daraus ist ja auch nichts geworden. Auch das ist ein Kapitel in meinem Buch. Ich denke, das Thema ist damit abgeschlossen.
Setzen Sie sich jetzt zur Ruhe oder folgt auf den Doktortitel noch eine Habilitation? Nein, in dem Fach jetzt eigentlich nicht mehr. Ich bin noch an einem anderen Buchprojekt zu einem ganz anderen Thema dran. Und ansonsten bin ich in sehr vielen Vereinen und Initiativen aktiv. Ich bin Mitglied im Pazifik-Netzwerk und kümmere mich um Samoa, ich bin Mitglied in der Alzheimer-Gesellschaft und natürlich im BIB, ich mache Tai-Chi, ich bin Lesepatin in einer Willkommensklasse in einer Berliner Grundschule und gehe regelmäßig ins Fitness-Studio. Ich bin in sehr aktiv, mein Tag ist wirklich voll ausgefüllt.

Willi Bredemeier

Die Hauptschuldigen am Untergang

des DBI waren ihre politischen Träger
und vor allem der Wissenschaftsrat

Seine Abwicklung konstituierte eine Praxis,
die die Einrichtungen der Forschungs-infrastruktur weiter gefährdet

Auszüge aus der Rezension:
Als die Bund-Länder-Konferenz am 9. März 1998 beschloss, das Deutsche Bibliotheksinstitut möge abgewickelt werden, wurde dies in der Bibliotheks- und Informationswelt als Erdbeben wahrgenommen. Allerdings setzte sich rasch als Mehrheitsmeinung durch, das DBI habe seine Abwicklung wegen mangelnder Leistungsfähigkeit selbst verschuldet. Tatsächlich scheiterte das DBI jedoch, weil 
• es als Bund-Länder-Einrichtung von seinen Trägern so strukturiert wurde, dass eine gedeihliche Entwicklung auf die Dauer sehr unwahrscheinlich war;
• eine ausreichende Unterstützung seitens ihrer Träger und Kunden fehlte und sich die Anforderungen von Trägern und Bibliotheken zum Teil widersprachen und
• es als Folge seiner „Mission Impossible“ zu Leistungsdefiziten und wohl auch zu einer Motivationskrise innerhalb des DBI kam.
Gleichwohl hätte sich die Abwicklung des DBI womöglich abwenden lassen, wenn derWissenschaftsrat seine Beurteilungskriterien dem DBI gegenüber transparent gemacht hätte. Das war nicht der Fall. Teilweise widersprachen die Forderungen des Wissenschaftsrates einander und sogar dem DBI-Gesetz. Zudem war es das erklärte Ziel des Wissenschaftsrates, die in der „Blauen Liste“ von Bund und Land geförderten Einrichtungen durch Abwicklungsbeschlüsse zu verringern.
Hier drängen sich weitgehende Parallelen zu den Evaluierungen mittlerweile der Leibniz Gemeinschaft auf, für die die Beurteilungskriterien nicht bekanntgegeben wurden und die bis heute nur indirekt zu erschließen sind, dass nämlich wissenschaftliche Bibliotheken und Fachinformationseinrichtungen nahezu ausschließlich nach ihren Forschungsleistungen zu beurteilen sind, ohne dass die Implikationen einer einseitigen Ausrichtung dieser Einrichtungen auf Forschungsleistungen für ihr Kerngeschäft zu bedenken wären. Darüber hinaus wurden Einrichtungen, deren mögliche Abwicklung ins Blickfeld gerückt war, mit Forderungen bedacht, die schon aus zeitlichen Gründen nicht zu erfüllen waren.
Der „Fall DBI“ hat sich seit den 90er Jahren immer wieder aufs Neue zugetragen – ohne dass dieser Trend in der Öffentlichkeit ausreichend sichtbar gemacht worden ist. Auch Autoren, die den Abwicklungsbeschluss des Leibniz-Senates beispielsweise zur ZB MED kritisch kommentierten, blieben einer einzelwirtschaftlichen Sichtweise verhaftet und unterließen es, die zweifelhafte Evaluierungspraxis des Wissenschaftsrates und später der Leibniz Gemeinschaft auf den Prüfstand zu stellen.

via Open Password Pushdienst 03.05.2017 

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