Mittwoch, 3. Mai 2017

"Rilke und Russland" im DLA Marbach

Der Dichter Rainer Maria Rilke bereiste Russland zweimal und erschuf sich "sein goldenes Russland", das sich auch in seinen Gedichten widerspiegelt. Das zeigt das große trinationale Forschungs-und Ausstellungsprojekt "Rilke und Russland" im Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA), das vom 03.05. bis zum 06.08.2017 zu sehen ist. Sein Reisegeschirr, den Baedeker und die Originalmanuskripte seiner ersten Gedichte aus dieser Zeit sind ebenso zu sehen wie Zeugnisse, die belegen, dass Rilke das Land idealisierte, die sozialen Nöte und Umwälzungen nicht sehen wollte. Seine Begegnungen mit Lou Andreas-Salomé, Leo Tolstoi und Boris Pasternak sind ebenfalls Thema der Ausstellung, die in enger Kooperation mit dem Schweizerischen Literaturarchiv in der Schweizerischen Nationalbibliothek, dem Strauhof Zürich und dem Staatlichen Literaturmuseum der Russischen Föderation erarbeitet worden ist. 

Genauso, wie sich Rilke sein goldenes Russland erschuf, zeigt die Ausstellung viele Exponate in schwarzen Vitrinen vor einer goldenen Wand. Sein Reisegeschirr, den Baedeker und die Originalmanuskripte seiner ersten Gedichte aus dieser Zeit. Die Reisen nach Russland stieß Rilkes damalige Geliebte und Gönnerin an: die 14 Jahre ältere Schriftstellerin Lou Andreas-Salome. Selbst in Moskau aufgewachsen, aber in einem deutschen Umfeld, suchte sie an seiner Seite nach ihrer russischen Identität und nach einer anderen Form der Religiosität. Rilke erschuf sich dabei eine geistige Heimat. Das Leitmotiv der Ausstellung ist dabei die Projektion. Denn Rilke ließ sich vom einfachen Leben der Bauern genauso begeistern wie von der russischen Kunst. Alles was sein positives Russlandbild hätte stören können, das blendete er aus. Viele Zeugnisse in Marbach belegen, dass er die sozialen Nöte und Umwälzungen in Russland durchaus kannte, aber nicht sehen wollte. Auch seine Begegnungen mit dem von ihm hochverehrten Dichter Tolstoi bei beiden Reisen liefen ganz anders als eigentlich geplant. Denn Tolstoi ignorierte Rilke beim ersten Besuch mehr oder weniger. Bei ihrem zweiten Treffen würdigte er die Lyrik als Kunstform herab. Erst sehr spät wagte sich Rilke an eine Generalabrechnung mit seinem großen Vorbild.

Zu sehen ist auch die handschriftliche Übersetzung eines Rilke-Gedichtes von Boris Pasternak, dem russischen Literaturnobelpreisträger, der den Dichter Zeit seines Lebens verehrte. Mit seinem Vater hatte er als Knabe zufällig Rilke auf einer der Russland-Reisen im Zug getroffen. In einem kleinen abgeschlossenen Raum liegt der Briefwechsel mit der Dichterin Marina Zwetajewa. Rilkes freundschaftliche Beziehungen nach Russland führten dazu, dass er dort sehr früh auf russisch rezipiert wurde. Die Marbacher haben auch die Fotografin Barbara Klemm und einen Kollegen, eine Filmemacherin und eine Schriftstellerin auf die Spuren Rilkes geschickt. Deren Arbeiten ergänzen die Ausstellung und spiegeln den Dichter aus heutiger Perspektive wider.

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